Foodsharing und Foodsaven in Berlin

IMG_20180819_212751_247

Lebensmittel mit Anderen zu teilen, ist ein Konzept, das viele schon seit ihrer Kindheit aus der Familie kennen. Wer hat nicht die eine Tante, die die ganze Familie mit Gemüse aus dem eigenen Garten versorgt, oder die Großmutter, die immer zu viel kocht und zu jedem Besuch frische Rosinenbrötchen oder Kartoffelpuffer mitbringt?

Außerhalb der Familie sind solche Verhaltensweisen leider nicht ganz so populär.

Ich selbst, habe Foodsharing in kleineren Strukturen tatsächlich schon in der Zeit im Studentenwohnheim in Friedrichshafen am Bodensee kennengelernt. Über die Wohnheims-Facebook-Gruppe wurden nicht nur angenommene Pakete verteilt, Umzugs- und Reperaturhilfen organisiert und gemeinsame Hauspartys organisiert, sondern auch übrig gebliebene Lebensmittel verteilt. Kartoffelsalat vom Filmeabend oder überflüssiges Gemüse vor spontanen Heimfahrten, alles bekam über die Gruppe einen neuen Besitzer.

Umso seltsamer finde ich es, in wie wenigen Hausgemeinschaften und Nachbarschaften und auch Studentenwohnheimen keinerlei solcher Möglichkeiten bestehen und wie schwierig es sein kann, zu versuchen, ein ähnliches System aufzubauen.

Ein Konzept, das versucht diese Verhaltensweisen im großen Stil zu etablieren, ist die Plattform Foodsharing. In einigen Städten ist die Bewegung bereits als eingetragener, gemeinnütziger Verein vertreten, in anderen agieren die Mitglieder noch als lose Gemeinschaft.

Was ist Foodsharing?

Foodsharing bietet über die Plattform zum einen die Möglichkeit, Lebensmittel, die im eigenen Haushalt über sind, an Menschen zu verteilen, die diese gerne konsumieren würden. Diese können entweder zu öffentlich zugängigen Fairteilern gebracht, oder als Essenkörbe zur Abholung angeboten werden. Diese Angebote kann jeder und jede nutzen, unabhängig davon, ob er bei Foodsharing registriert ist oder nicht.

Der andere, größere und etwas aufwändigere Teil der Aktivitäten von Foodsharing ist das Retten und Weiterverteilen von Lebensmitteln bei verschiedenen Händlern. Dabei holen Mitglieder des Netzwerks Produkte, die der kooperierende Betrieb sonst entsorgen würde, zu ausgemachten Zeiten und verteilen diese, entweder im privaten Umfeld oder über Essenskörbe und Faiteilerstellen weiter.

Wie wird man Foodsharer?

Wer aktives Mitglied werden und Lebensmittel bei Betrieben abholen möchte, muss von der Plattform verifiziert werden. Dazu registriert und informiert man sich selbstständig auf der Foodsharing-Website über Ablauf und Verhaltensregeln, bearbeitet anschließend ein Quiz und wird dann von einem der Botschafterinnen angeschrieben, um drei bis fünf gemeinsame Probeabholungen bei Betrieben abzustimmen. Hat alles gut geklappt, bekommt man bei der letzten Abholung einen Foodsharing-Ausweis, wird freigeschaltet, kann sich dann selbstständig bei Betrieben in der Umgebung bewerben und an Abholungen teilnehmen.

Wie viel Zeit brauche ich?

Während die Aufnahmeprozedur zugegebermaßen etwas aufwändig ist, liegt der Zeitaufwand, denn man danach in Foodsharing investiert ganz im eigenen Ermessen. Wird man im Team eines Betriebs aufgenommen, kann man sich selbstständig zu den angegebenen Abholungen eintragen. Ob man bei fünf verschiedenen Betrieben und jeden zweiten Tag abholt oder nur bei einem alle zwei Wochen, ist jedem und jeder selbst überlassen. Trägt man sich aber zu einer Abholung ein, gilt dieser Termin zum einen auch verbindlich und man sollte zum anderen ein gewisses Zeitbudget für die Aholung einplanen. Da die Mengen, die abgeholt werden müssen, häufig schwer berechenbar sind, ist es gut möglich, dass danach auch noch ein Abstecher zu einer Fairteilstelle nötig ist, um die Lebensmittel ordentlich zu versorgen.

Wie läuft das konkret als Foodsharer?

Meine eigenen Erfahrungen mit Foodsharing sind durchgehend positiv. Die Botschafter und anderen Mitglieder sind in der Regel supernett und die Betriebe sehr dankbar, dass sie die Ware nicht entsorgen müssen.

In meiner Gegend kooperieren wir vor allem mit Bäckerein, türkischen und orientalischen Lebensmittelhändlern, Bioläden und Wochenmärkten. Die Mengen, die wir dort abholen schwanken von wenigen Kartoffeln und Zwiebeln bis zu vielen Taschen voller Lebensmittel, die wir zu dritt oder zu viert kaum tragen können.

Häufig sind die gekühlten Produkte, die wir abholen, am selben Tag abgelaufen, aber natürlich noch problemlos essbar. Das Gemüse ist meist lediglich etwas müde und wird durch ein Bad im Eiswasser wieder fit oder Zuhause zu Suppe oder Eintopf verarbeitet und bei den Früchten reicht es in der Regel, ein paar wurmstichige Stellen abzuschneiden, einige Trauben auszusortieren oder eine matschige Stelle zu entfernen.

IMG_20180824_072457_400 (2)

Vor allem bei Bäckereien ist es oft nicht möglich, die abgeholten Lebensmittel direkt unter den anwesenden Foodsavern zu verteilen, weshalb ich nach diesen Abholungen meist direkt zu einem Verteiler in der Nähe fahre. Die Fairteiler werden sehr regelmäßig von freiwilligen Helfern aus dem Netzwerk gereinigt und sind daher immer sehr sauber und aufgeräumt. An vielen Fairteilerstellen sind Kühlschränke vorhanden, was vor allem im Sommer und bei Abholungen von süßen Teilchen oder belegten Brötchen sehr praktisch ist. Habe ich etwas im Fairteiler platziert, informiere ich auf der passenden Fairteiler-Seite der Website alle Mitglieder darüber, womit der Fairteiler bestückt ist.

Vor allem in Berlin werden die öffentlichen Fairteiler allerdings nicht nur von den Foodsharing-Aktivisten genutzt, sondern sind auch bei Bedürftigen bekannt und sehr beliebt. Einige Male haben meine geretteten Lebensmittel die Kühlschränke gar nicht erst erreicht, sondern wurden mir noch vor der Fairteilerstelle von einer ganzen Gruppe Menschen abgenommen.

Momente wie dieser, sind tatsächlich die, die mich als Lebensmittelretterin am glücklichsten machen, denn ich kann mir zum einen sicher sein, dass die Lebensmittel definitiv nicht verschwendet werden und ich zum anderen Menschen helfen kann, die Schwierigkeiten haben, sich auf regulärem Weg mit ausreichend Nahrung zu versorgen.

Deshalb ist es mir besonders wichtig, noch einmal zu betonen, dass es beim Aktivistmus als Foodsaverin nicht darum geht, kostenfrei an Lebensmittel zu kommen, sondern darum, noch genießbare Produkte vor der Verschwendung zu retten und Menschen zu unterstützen, die weniger privilegiert sind, als die Meisten von uns. Natürlich freue auch ich mich, wenn ich mich nach einer Abholung plötzlich mit einem Wochenvorrat an reifen Mangos in meiner Küche wiederfinde. Aber ich fahre, wenn es meine Zeit erlaubt, auch mehrfach in der Woche zu Abholungen, bei denen ich nichts für mich selbst mitnehmen, weil ich gerade keinen Bedarf habe oder nicht für meine Ernährung dabei ist, und verteile die Lebensmittel weiter, um sie vor der Tonne zu retten. Das ist für mich und sollte für jede und jeden das erste Ziel bei dieser Art von Engagement sein.

Die offizielle Foodsharing-Website findet ihr hier:

https://foodsharing.de/

Wenn ihr in einer Kleinstadt ohne entsprechende Strukturen wohnt, schaut auch mal bei Facebook nach regionalen, unabhängigen Foodsharing-Gruppen und teilt hier gerne eure Erfahrungen.

 

Ein Gedanke zu “Foodsharing und Foodsaven in Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s