Armut ist nicht sexy!

 

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An meinen ersten Berlinaufenthalt kann ich mich kaum erinnern. Ich war vierzehn, mit meiner Mama für wenige Tage in der Hauptstadt, lebte in einer Ferienwohnung in Mitte und habe außer den klassischen Sehenswürdigkeiten nur viele Arkaden und wenige Museen gesehen.

Mein zweiter Besuch ist mir dagegen umso besser im Gedächtnis geblieben. Mit 16 wollte ich im Deutschunterricht das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. vorstellen und dafür Bilder von den Originalschauplätzen mit nach Hause bringen. Es war Winter, bitterkalt und so zogen wir, ich war damals wieder mit meiner Mama unterwegs, gefühlt von einem sozialen Brennpunkt zum nächsten.

Mitgebracht habe ich von diesem Kurzurlaub, außer besagten Bildern, sondern vor allem ein klammes Gefühl und ein Verständnis dafür, was für grausame Ausmaße Armut selbst in einem so reichen und privilegierten Land wie Deutschland annehmen können.

Als ich dann im letzten Jahr nach Berlin zog, war wieder Winter, es war wieder bitterkalt und das klamme Gefühl von damals war schon nach wenigen Tagen zurück. Natürlich ist die Armut und deren Auswirkungen im eisigen Berliner Winter  besonders offensichtlich und trotzdem ist das Gefühl auch jetzt, ich schreibe diesen Artikel im August in meiner Wohnung in Charlottenburg, einem der reichsten Bezirke der Stadt, noch unabgemildert und immerzu präsent.

Ich bewege mich recht selten in den ärmsten Bezirken, die ja größten Teils im Osten der Stadt zu finden sind, aber ehrlicherweise reicht für mich schon ein Besuch an der Bahnhofsmission am Zoo oder ein Lauf durch Kreuzberg, um ein Gefühl von Unverständnis und Machtlosigkeit in mir auszulösen.

In den ersten Wochen dachte ich, dass diese Gefühle meinen früheren Wohnorten, süddeutschen, meist sehr wohlhabenden Städten und dort eher besseren Stadtteilen, geschuldet ist, ich mich an bestimmte Anblicke gewöhnen und irgendwann abgehärtet sein würde. Heute bin ich seit ettlichen Monaten in der Stadt, habe in Lichtenberg, einem der schwierigsten sozialen Brennpunkte der Stadt gearbeitet und als Foodsaverin regelmäßig an der Bahnhofsmission unterwegs.

Ob mich das abgehärtet hat?

Nein, hat es nicht. Vielleicht müsste ich länger in der Stadt wohnen, in einem ärmeren Bezirk leben oder eine weniger sensible Persönlichkeit haben. Vor allem aber möchte ich nicht abhärten. Ich möchte mich nicht daran gewöhnen, Menschen zu sehen die in meinem Alter sind, offensichtlich verzweifelt und ohne Perspektive auf eine Zukunft, der ich den Stempel menschenwürdiges Leben geben möchte. Ich möchte mich nicht daran gewöhnen, Frauen zu sehen, die kein Wort deutsch sprechen und nicht verstehen können, was in der Welt um sie vor sich geht und jeden Tag viele Stunden mit Säuglingen und Kleinkindern unter einer dreckigen Brücke auf dem Boden verbringen. Ich möchte an solchen Szenen nicht vorbei gehen, akzeptieren, das sie Teil der Welt sind, in der ich mich bewege, dass manche Menschen weniger Glück haben als andere, oder ihnen gar selbst die Schuld für ihre Situation geben.

Ich möchte, dass sich etwas ändert.

Ich fühle mich nicht als Gutmensch, ich möchte mich nicht als Weltverbesserer bezeichnen, aber ich möchte jeden und jede dazu aufrufen, sich mit dem eigenen Verhalten zu beschäftigen, die eigene Einstellungen zu Menschen, die in präkere Situationen geraten sind zu überdenken und vor allem, intensiv darüber nachzudenken, was er/sie beitragen könnte, die Situation zu verbessern.

Es gibt unendlich Möglichkeiten, sich zu engagieren und ich bin mir sicher, dass jede und jeder mit ein bisschen Inforationsaufwand und Kreativität eine Alternative finden wird, die zur eigenen Situation und Persönlichkeit passt.

Ob man als Foodsaver Lebensmittel, die sonst im müll landen würden, rettet und an entsprechenden Einrichtungen verteilt, sich politisch in einer Partei engagiert, auf Demonstrationen auf die Misstände aufmerksam macht oder ein Ehrenamt in einer Flüchtlings- oder Obdachlosenunterkunft übernimmt, ist natürlich jedem selbst überlassen.

Die Hauptsache ist, man wird aktiv. Denn natürlich ist von allem genug für alle da.

Nur leider ist es häufig verdammt schlecht verteilt.

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