Was ich an Berlin vermisse.

Die Dinge sind selten schwarz oder weiß. Und fast ebenso sehr ich mich über Süddeutschland, meine Familie, Freunde, die Berge und noch so vieles mehr freue, so sehr fehlen mir viele großstadt-  und vor allem viele berlinspezifische Annehmlichkeiten der Großstadt.

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1. Die Abwechslung

Berlin bietet ungefähr alles. Die Lust auf Großstadttrubel wird am Alex, in Friedrichshain und im Prenzlauer Berg gestillt, wer Stadtkoller hat, flüchtet einfach an das Charlottenburger Westend oder finden Landleben und Bauernhofidylle in der Wustermark unmittelbar vor den Toren der Großstadt.Wer sich im Sommer nach südländischem Lebensgefühl sehnt, kann auf der Sonnenallee in Neukölln für einige Stunden im nahen Osten verbringen oder im Wedding südländische Lebensfreude tanken. Und zu der Schickeria am Kurfürstendamm kann man wohl in keiner anderen deutschen Stadt ein ähnlich großes Extrem finden, wie das am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

2. Die Freizeitangebote

Vermutlich bietet keine andere Stadt in Deutschland so vielfältige, kulturelle und historische Möglichkeiten wie Berlin und Umgebung. Für jeden Geschmack und jedes Interesse wird hier mehr als genug geboten. Zwischen veganen Street Food Märkten, Open Air Konzerten, Podiumsdiskussionen, Vorträgen und den unzählbaren Museen war meine Zeit, die ich zur Verfügung hatte, leider immer viel zu knapp.

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3. Foodsharing

Gibt es mittlerweile natürlich (zum Glück) in jeder größeren Stadt in Deutschland. Trotzdem war es in Berlin etwas ganz besonderes für mich. Grade weil hier sehr viele Menschen eher wenige Geld zur Verfügung haben, würfeln sich die Aktiven so bunt zusammen, wie in wahrscheinlich keiner anderen Stadt. Und grade weil in dieser Stadt ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, wird hier jeder so schnell und freundlich aufgenommen, als wäre man schon seit Jahren mit dabei. Für mich war das Foodsharing-Netzwerk in Berlin nicht nur gelebte Nachhaltigkeit, sondern vor allem eine Möglichkeit in dieser riesigen Stadt superschnell Kontakt zu Gleichgesinnten zu bekommen.

4. Laufgruppen

Sport ist ein riesiger Teil meines Lebens und zusammen ist es natürlich, wie fast alles, noch schöner. Eine meiner größten Sorgen vor dem Umzug war deshalb, den Kontakt zu anderen Sportlern  zu verlieren. An meinen vorherigen Wohnorten hatte sich das immer ganz automatisch durch das Training in Sportvereinen, in den Studentenwohnheimen oder in Sportgruppen der Unis ergeben. Das bricht natürlich weg, wenn man plötzlich im Arbeitsalltag steckt. Zum Glück gibt es in Berlin viele Gruppen, die regelmäßig freie Trainings anbieten. Die adidas Runners bieten mehrmals in der Woche Laufruppen, Tempotrainings und Yogastunden an, bei ASICS Berlin kann man an Functional Trainings teilnehmen, die Parkruns finden jeden Samstagmorgen um 9.00 im Park Hasenheide statt und  der Gutenachtlauf von Laufen gegen Leiden startet jede Vollmondnacht um 20.30 in Wedding und Mitte.

Hasenheide Neukölln

5. Brandenburg

Es mag wahrscheinlich etwas seltsam anmuten, denn warum zieht man nach Berlin und verbringt dann einen großen Teil seiner Freizeit in Brandenburg? Aber wer, wie ich, in einer eher kleinen, ruhigen Stadt im beschaulichen Süddeutschland aufgewachsen ist und dann in die Hauptstadt zieht, wird wahrscheinlich schnell feststellen, wie erdrückend Menschenaufläufe, Stadtverkehr und Massentourismus sein kann. Den perfekten Ausgleich zu all dem finde ich regelmäßig bei langen Radausfahrten in Brandenburg. Eine solche Ruhe, Verlassenheit und Leere habe ich bis jetzt weder in Deutschland, noch in einem anderen europäischen Land erlebt und ich liebe es. In Brandenburg ist es kein Problem, zwanzig Kilomenter zu fahren, ohne einer Stadt oder einem Dorf, manchmal sogar ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Wälder, Felder, Windparks und teilweise verlassene Höfe … und eine Stunde später ist man wieder zurück in Berlin.

Stadtkoller

6. Meine Straße

Ganz subjektiv betrachtet, ist der eigene Bezirk natürlich immer der Schönste.  Der auch objektiv betrachtet Schönste, ist aber natürlich Charlottenburg. Und eine der schönsten Straßen im Bezirk, wenn auch nicht die optisch ansprechendste und wenn vielleicht auch nicht die aufregendste,  ist die Reichsstraße am Westend. Es mag seltsam klingen, aber diese Straße hatte großen Anteil daran, dass ich mich sehr schnell sehr heimisch in der großen Stadt fühlte. Die fantastische Lage, mit unmittelbarem Zugang zum Grunewald, keine zehn Minuten vom Messegelände und dem Olympiastadion entfernt, mit direktem Zugang zu Spandau und Brandenburg und trotzdem ruhig und idylisch nach hinten in Richtung Akazien- und Platanenallee, ist wahrscheinlich nur sehr schwer zu übertreffen. Aber tatsächlich ist auch die Straße selbst so unscheinbar, wie fantastisch. Ich hatte mein Zuhause fast ein Jahr lang in einem der letzten Häuser der knapp 2 1/2 Kilometer langen Straße und tatsächlich gab es einige Tage, an denen ich diese ganz bewusst nicht verließ. Wer viel arbeitet und auch sonst viel unterwegs ist, kennt vermutlich diese Tage nach einer beruflich stressigen Zeit, an denen man an einem Tag gefühlte hundert private TO-Do`s zu erledigen hat. Groteskerweise können solche Besorgungen in der Kleinstadt ganze Tage füllen, weil alles an einer anderen Stelle erledigt werden muss. In Berlin ist das natürlich ungleich einfacher und grade an solchen Tagen lernte ich meinen Kiez so richtig zu schätzen. Wie oft bin ich am Morgen nach ettlichen Arbeitstagen und Spätschichten aufgewacht, musste einkaufen, zum Bioladen, zur Post und in die Apotheke, in einer Drogerie, zum Hausarzt ein Rezept holen und anschließend zur Massage zum Physio. Tatsächlich ließ sich all das in meiner Straße innerhalb einer halben Stunde erledigen und was in der Kleinstadt in einem nervigen, stressigen, obwohl freien Tag geendet hätte, wurde in Berlin zu einem kleinen, entspannten Spaziergang noch vor dem Frühstück, nachdem ich in Ruhe meinen freien Tag genießen konnte.

7. Der Abstand

Was vielleicht etwas seltsam klingt, denn nicht zuletzt bin ich ja zurück in die Heimat gezogen, um wieder näher an Freunden und Familie zu wohnen, ist tatsächlich wahr. Ich vermisse den Abstand. Zu Freunden und Familie, zu Streitigkeiten, zu Problemen, manchmal einfach zu den Emotionen Anderer. Ich lebe in der Stadt, in der meine Eltern aufgewachsen sind, habe einen Nachnamen, den im ganzen Landkreis nur meine Großfamilie trägt, habe in dieser Zeit vier verschiedene Schulen, zahlreiche Sportvereine, Ferienfreizeiten und so weiter besucht. Heißt: Ich kenne hier verdammt viele Leute, mich kennen hierverdammt viele Leute, und selbst die Leute, die mich nicht kennen, kennen mindestens eine Person, die sie mit mir in Verbindung bringen. Manchmal nervt das. Ehrlich gesagt, nervt das verdammt oft. Die Anonymität der Großstadt, dieses „einfach rausgehen, wie man möchte und keinen interesssiert`s“, dieses „einfach sagen können, was man denkt, denn es fällt, wenn überhaupt, nur auf mich selbst zurück“, dieses „einfach tun können, wonach ich mich fühle, denn keiner weiß, wer ich bin.“ Das soll nicht heißen, dass ich mich in der Anonymität verstecke, mich besonders unfreundlich oder sogar unsozial verhalte, sondern viel mehr, dass ich mich einfach viel freier in meinem Denken und Verhalten fühle. In Berlin fiel es mir so viel leichter, für meine Überzeugungen einzustehen, meine Werte zu leben, zu sagen, was ich denke, meine Persönlichkeit so auszuleben, wie sie wirklich ist:

„direkt, ehrlich, laut, manchmal ein bisschen zu radikal und dogmatisch“

Wenn ich ganz ehrlch zu mir bin, ist das natürlich kein Problem der Kleinstadt, sondern eines meiner Vorstellung. Und eine Sache, die Berlin definitiv an mir verändert hat, ist, auch Zuhause viel mehr ich selbst zu sein. Auch wenn ich damit sicher öfter mal vielen auf die Füße trete. Aber hey: von blauen Flecken auf den Füßen stirbt man nicht.

8. Die Weite und die Fremde

Ich liebe es, neue Orte zu entdecken, aber ich mag es nicht zu reisen. In einer Stadt zu leben, die selbst so groß ist und sich so rapide verändert, dass es praktisch unmöglich ist, sie wirklich zu kennen, ist für mich also eigentlich der ideale Kompromiss. Natürlich ist es überall möglich, immer wieder neue Gegenden zu entdecken, doch eine Stadt wie Berlin macht es einem in dieser Hinsicht schon verdammt leicht. Ob bei ziellosen Radtouren ins berliner Umland, bei Spaziergängen und Läufen mit Freunden und Freundinnen, die in anderen Bezirken Zuhause sind, gezielten Ausflügen zu Veranstaltungen oder wahllosen S-Bahn-Fahrten durch die Stadt an freien Nachmittagen. Ich habe wohl keine derartige Aktion erlebt, bei der ich nicht ein hübsches Café, einen tollen Flohmarkt, wunderschöne Alleen, tolle Havel- oder Spreestrände und -häfen, endlose Windparks oder süße Vorstadtidyllen entdeckt habe. Ich weiß, dass es vielen eher schwer fällt, das gewohnte Umfeld zu verlassen, aus der Heimat wegzuziehen und an einem neuen Ort neu anzufangen. Tatsächlich vermisse ich seit meinem Rückzug das Gefühl fremd zu sein. Ich bin studienbedingt in den letzten Jahren ettliche Male umgezogen, hatte damit nie ein Problem und habe die ersten Wochen an einem neuen Ort immer besonders genossen. Die Nachbarn nicht mal vom Sehen zu kennen, nicht zu wissen, wo der nächste Supermarkt ist und wohin die Bahn fährt. Sie bewusst zu verlaufen, fast täglich neue Orte zu entdecken, die völlige Anonymität. All diese Dinge, die viele Menschen scheuen, liebe ich. Natürlich wäre dieses Gefühl auch in Berlin irgendwann verschwunden, wenn wahrscheinlich auch erst nach einer ziemlich langen Zeit. Aber letztendlich hätte es mich wahrscheinlich auch von dort irgendwann wieder weg gezogen. So wie auch jetzt. Denn so sehr ich meine süddeutsche Heimat auch liebe, sie ist ganz sicher nicht meine Endstation.

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