[RENNBERICHT] Der Schluchseelauf 2019

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Nach viel zu langer Zeit, wird es auf diesem Blog heute endlich mal wieder um meine liebste Sache gehen: das Laufen.

Tatsächlich bin ich seit dem Potsdamer Halbmarathon im Sommer 2018 keinen Wettkampf mehr gelaufen und selbst der war eine eher spontane „ich-supporte-meine-Freunde“-Aktion ohne richtig spezifische Vorbereitung.

Meine letzten Jahre waren psychisch und physisch streckenweise ziemlich anstrengend und anstatt mir den zusätzlichen Stress durch ein strukturiertes Training „anzutun“, habe ich viel aus dem Bauch heraus trainier, bin gelaufen, wann und wie es sich gut angefühlt hat oder habe es auch mal ganz sein lassen.

Anfang des Jahres hat es mich dann aber wieder so richtig gepackt. Ich bin von Berlin zurück nach Süddeutschland gezogen, habe meine Liebe zu den schwarzwälder Bergen wiederentdeckt und bin gelaufen, gelaufen, gelaufen…

Schon ziemlich früh im Jahr habe ich mich dann außerdem für ein erstes Saisonhighlight entschieden – den Schluchseelauf in – Überraschung – Schluchsee.

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Die Entscheidung für den Lauf viel mir ziemlich leicht. Ich lebe leider in einer Region, in der nicht wahnsinnig viele Volksläufe stattfinden, ich hatte eine Strecke zwischen 15 und 25 Kilomenter angepeilt und meine Abneigung gegen lange Abschnitte auf Asphalt schließt leider viele Läufe kategorisch aus.

Der Schluchseelauf mit 18,2km, 254 Höhenmetern und ettlichen Passagen auf Forstwegen und Uferpromenaden passte somit perfekt ins Raster.

Das vorrausgegangene Training lief gut, ich konnte meinen Plan überraschend einfach durchziehen, hatte keine Verletzung und auch sonst kaum Wehwehchen (was ich vor allem dem vielen Alternativtraining und meinen regelmäßigen Besuchen im Kraftraum zuschreibe).

Und wie das immer so ist, mit einem Ziel, auf das man sich lange vorbereitet: man trainiert und trainiert und fiebert dem Tag entgegen und plötzlich ist er da und man hat das Gefühl, man wäre noch gar nicht bereit.

Nach einer Wochen mehr oder weniger konsequente Tapering ging es am 12. Mai dann aber natürlich trotzdem in Richtung Schwarzwald.

Ich wurde von meiner Mama begleitet, denn – Überraschung – der 12. Mai dieses Jahres war nicht nur Raceday, sondern außerdem Muttertag.

Die knapp eineinhalb Stunden Autofahrt vergingen schnell und das einzige, was mir ein bisschen Sorgen machte, war das Thermometer, das mit jeden 100m, die wir nach oben fuhren, immer ein Grad kälter anzeigte. Kurzfristig habe ich im Auto dann noch mein kurz-kurz-Outfit in lang-lang getauscht, was – Spoiler – nicht nötig gewesen wäre. Und die Luft, die auch auf 1000m Höhe schon überraschend dünn ist.

Und dann ging`s eigentlich auch schon los. Startnummernausgabe, eine letzte Banane, Start der 10km-Läufer, Start der Babinis, Start der ersten Welle, mein Start. Ich konnte mir aussuchen am Ende der ersten Welle, oder in der ersten Reihe der zweite, 40 Minuten später zu starten, da fiel meine Wahl natürlich auf den Platz an der Spitze der Welle, mit orgentlich Luft nach vorne.

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Ich hatte mir vorgenommen mit einer 5:30er Pace reinzulaufen und am Schluss Gas zu geben. Das wäre eine Zielzeit von ca. 1h43 gewesen, was für mich zwar langsam, aber wie gesagt, Höhenmeter, Bodenbeschaffenheit (am Tag vorher hatte es ganz schön gestürmt) und die Luftqulität ließen mich schon etwas demütig werden.

Mit dem Startschuss ging`s los, die ersten zwei drei Kilometer durch ein kleines Waldstück, leicht bergauf und bergab, was zwar wunderschön, aber auch ganz schön anstrengend war, weil ich das Feld noch niecht auseinandergezogen hatte, viele am Start natürlich überpacen und nach und nach abbremsen. Nach drei Kilmetern ging es dann auf die, natürlich abgesperrte Bundesstraße, das Feld zog sich auseinander und die nächsten paar Kilometer lief ich ziemlich allein mit einer weiteren Frau im Gleichschritt auf Asphalt in brütender Hitze einfach stumpf geradeaus.

Meine Uhr zeigte mir zwar jeden Kilometer eine Pace unter 5:00 an, aber zu diesem Zeitpunkt interessierte mich das wenig. ich war mir ziemlich sicher, dass ich irgendwann leicht einbrechen und automatisch deutlich langsamer werden würde.

Außerdem lagen die Berge ja noch vor uns.

Ziemlich genau an Kilometerpunkt sechs passierten wir den ersten Verpflegungspunkt und damit, so viel wusste ich aus der Vorbesprechung, den tiefsten Punkt der Strecke. Ab jetzt ging es erst mal konsequent bergauf.

Der erste Anstieg hatte es dann auch gleich so richtig in sich. Ich bin Berge ja gewohnt. Allerdings laufe ich im Training in der Regel einige hundert Meter ziemlich steil bergauf und dann wieder eine Zeit lang eben oder bergab bis zum nächsten Anstieg.

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Am Schluchsee dagegen ging es von Kilometer 6 bis ca. Kilometer 9 ausschließlich eine Wand hoch. Und das war ehrlicherweise ganz schön zermürbend. Die Beine waren zwar sehr gut, ich konnte mein Tempo halten (dann allerdings keine 5er-Pace mehr), aber im Kopf wurde es ganz schön schwierig. Ständig gingen Forstwege von der Strecke bergab, nur leider zeigten die Pfeile immer in die falsche Richtung. Ich war zu dem Zeitpunkt ganz alleine, die zweite Frau war abgefallen und nur ab und zu lief ich auf langsamerer oder gehende Läufer, Wanderer, Zuschauergrüppchen oder erschreckend viele Sanis auf.

Zwei, drei mal hatte ich den Gedanken, kurz zu gehen, aber im Grunde war mir klar, dass das die Sache nicht besser machen würde. Ich hatte keine Krämpfe, keine schweren Beine, kein Energiedefizit – ich hatte schlicht keinen Bock mehr, bergauf zu laufen.

Was mich weiter hoch gehalten hat, war die Sicherheit, dass Start-Ziel an einem Ort waren und es in Konsquenz daraus auch irgendwann wieder bergab gehen müsste.

Ab Kilomenter 9-10 wurden meine Gebete dann tatsächlich erhört und zu meiner großen Freude ging es nicht sehr kurz supersteil, sondern über zwei Kilometer (für mich) recht angenehm zügig nach unten. Andere Läufer sahen das zwar offensichtlich nicht so, denn so Mancher sah gar nicht glücklich aus, während er oder sie da herunter stolperte.

Am dritten Verpflegungspunkt, es muss so bei Kilometer 12 gewesen sein, gönnte ich mir dann zum ersten Mal einen kleinen Schluck Wasser und riskierte einen Blick auf die Uhr.

Learning: Ich kann bei verhältnismäßigen hohen Geschwindigkeiten erschreckend schlecht trinken, aber überraschend gut rechnen…

Denn mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich zum Einen immernoch viel zu schnell unterwegs war und ich es zum Anderen, bei einer konsequenten Pace unter 5 Minuten pro Kilometer tatsächlich noch unter 1h 30min ins Ziel bringen konnte.

Und was soll ich sagen, das war der Moment in dem, noch bevor ich meine Beine dazu befragen konnte, was sie von dieser Idee halten, meine Sicherungen durchknallten und ich wie eine Bekloppte losrannte.

Weiter ging`s dann, relativ eben an der Uferpromenade entlang. An den breiteren Stellen standen überall Zuschauer und auf der Strecke wurde langsam voller, denn offensichtlich lief ich langsam auf die letzten Läufer der Welle auf, die 40 Minuten vor mir gestartet war.

Die Beine waren gut, nur mit der Luft wurde es langsam schwierig und als mir die Uhr bei Kilometer 15 mitteilte, dass mein Puls zum einen bei 176bpm angekommen war und ich auf den letzten drei Kilometer einen Puffer von fast einer Minute raus gelaufen hatte, habe ich mich dazu entschieden, nun doch einen Tick langsamer zu machen. Zum Einen, um keinen Einbruch kurz vor dem Zeil zu riskieren und zum Anderen, weil ich wusste, dass es zum Schluss nochmal ordentlich bergauf gehen würde.

Die letzten drei Kilometer liefen dann aber fast unspecktakulär. Die gesamte Strecke war von Zuschauern gesäumt, die mir dankenswerterweise die Aufgabe abnahmen, langsamere Läufer aus dem Weg zu schreien, bei den letzten Anstiegen konnte ich mich immer an einen anderen Läufer hängen und mich nach oben ziehen lassen und dann war das Ziel auch schon in Sichtweite.

Auf den letzten 200m ging es dann leider nicht nur nochmal ordentlich bergauf, sondern vor allem in einer rund 90 Grad-Spitzkehre um die Ecke. Das hat mich nicht nur ziemlich aus der Fassung gebracht, sondern auch wertvolle Sekunden gekostet, die ich auch im Schlussprint nicht mehr rausholen konnte.

Von Zieleinlauf habe ich dann tatsächlich gar nicht mehr viel mitgekriegt, habe keine Supporter wahrnommen und war erstmal einfach nur erschöpft.

Am Ende war ich mit 1:29:02 im Ziel und beim anschließenden Pizzaessen hat sich dann natürlich nicht nur die Freude, sondern vor allem unheimlicher Stoz auf meine Leistung eingestellt.

Ich glaube nicht, dass jemand, der nicht (ambitioniert) läuft, nachvollziehen kann, wie magisch es sich anfühlt, zu merken, dass man gerade über die eigenen Grenzen hinauswächst. Diese Kombination der Raceatmosphäre und dem Adrenalin, das in jede Zelle schieß, machen nicht nur solche (natürlich rein subjektive) Leistungen möglich, die man sich zuvor nicht hätte erträumen können.

Eine Geschwindigkeit unter 5 Minuten pro Kilometer laufe ich im Training beim Tempodauerlauf auf 5 bis 8 Kilometer, bei idealen Bedingungen, in fast vollständig flachem Terrain.

Das im Wettkampf dann über 18,2 Kilometer mit ordentlich Höhenmetern fast problemlos zu halten (und ich bin mir recht sicher, das ein ähnliches Tempo auch auf den Halbmarathon möglich gewesen wäre) erscheint davor und auch jetzt im Nachgang noch, beinahe surreal.

Beinahe noch skurriler als der Wettkampf selbst, war für mich allerdings der Tag danach. Ich glaube, dass ich generell ganz gut aufgestellt bin, in Sachen Regeneration, ich weiß, dass ich möglichst schnell essen sollte, mir Magnesium und Franzbranntwein hilft und mir ein langes Salzbad am Abend sehr gut tut.

Aber dass ich am nächsten Tag so gar nichts spüre, damit hätte ich tatsächlich nicht gerechnet. Für den nächsten Tag habe ich deshalb die Option auf eine lockere Radtour gezogen, die meine Trainerin mir als Alternative zu der kompletten Pause offengelassen hatte und noch in derselben Woche konnte ich ganz normal ins Training einsteigen.

In den letzten Tagen haben sich dann auch die Pläne für die kommenden Wochen gefestigt. Der Brüder-Grimm-Lauf (ein Etappen Lauf mit fünf Wettkämpfen an drei Tagen) schwirrt mir nach wie vor im Kopf herum, auch wenn das Trainings- und Regenerationtechnisch wirklich wirklich sinn- und verantwortungslos wäre.

Nächster Fixtermin ist jetzt erstmal der Sonnwendlauf am 28. Juni, bei dem ich definitiv eine neue 10-Kilometer-Bestzeit aufstellen möchte und dann werde ich einfach mal schauen, was das Jahr sonst noch so her gibt.

 

 

 

 

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